
Der Zufall
Ich habe zufällig mit dem Flechten begonnen. Zumindest dachte ich das. Es war eine chaotische Zeit. Ich suchte nach etwas — in meiner Abschlussarbeit, in meiner Arbeit, in mir selbst. Ich habe alles ausprobiert: natürliches Färben, Knoten, Gewebe. Die Hände bewegten sich, während der Kopf noch versuchte zu verstehen, wohin er unterwegs war.
Die Verwandlung
Dann geschah etwas Merkwürdiges. Das Flechten hörte auf, ein Experiment zu sein. Es wurde zu einem Atemzug. Die Hände wussten, was zu tun war, und der Kopf hörte zum ersten Mal auf zu rennen. Jeder Knoten war ein gegenwärtiger Moment. Jede Geste, eine bewusste Entscheidung.
Das Verstehen
Da verstand ich etwas, das man nicht aus Büchern lernt. Dass die Zeit, einmal in etwas hineingelegt, nie wieder verschwindet. Sie bleibt dort. Im Knoten. In der Geste. In der Art, wie sich eine Textur unter den Fingern dessen verändert, der wirklich zu schauen weiß.
Von diesem Moment an habe ich nie mehr aufgehört.


Die Identität
Ich erkenne mich nicht im Titel der Modedesignerin. Ich erkenne mich in den Händen. In der Materie. In dem Moment, in dem ein Geflecht aufhört, Technik zu sein, und zur Sprache wird. Wenn der Stoff zu sprechen beginnt, und du zuhörst.
Ich bin eine Textile Artist. Jedes Stück, das ich schaffe, entsteht aus diesem Bewusstsein: dass die Materie Erinnerung hat, dass die Geste Bedeutung hat, und dass die Zeit, die man für etwas Einzigartiges aufwendet, nie verlorene Zeit ist. Es ist die Zeit, die es unwiederholbar macht.
Ich wurde in Marokko geboren und bin in Italien aufgewachsen. Ich habe mein ganzes Leben mit zwei Sprachen im Mund gelebt, zwei Farben in den Augen, zwei Arten, Schönheit zu empfinden. Lange Zeit glaubte ich, diese Zweiheit sei eine Distanz. Dann begann ich zu flechten. Und ich verstand, dass sie stattdessen mein Rohmaterial war.


Das Objekt
Was aus diesem Prozess entsteht, ist keine Tasche im herkömmlichen Sinne. Es ist ein textiles Kunstwerk. Ein Statement-Piece, das am Körper getragen oder im Raum platziert wird. Mit derselben Präsenz wie ein Kunstwerk, derselben Dichte, demselben Recht, betrachtet und weitergegeben zu werden. Ein limitiertes, unwiederholbares Stück, das denjenigen, der es wählt, genau das fühlen lässt, was er ist: jemand, der den Wert seltener Dinge erkennt. Kein beliebiges Objekt. Ein Objekt zum Weitergeben.
Ich erschaffe nicht für alle. Ich erschaffe für jene, die spüren, dass ein Werkstück ein gutes Gewicht tragen kann. Eine Geschichte. Eine Erinnerung, die nicht nur dir gehört, sondern jemandem, der vor dir kam, und jemandem, der nach dir kommen wird. Für jene, die nicht erwerben, um zu besitzen. Sondern um zu bewahren. Für jene, die langsam wählen, weil sie wissen, dass in Eile Gemachtes nicht bleibt.
Das ist die Geste, die mich gerettet hat. Jetzt lege ich sie in deine Hände.
Das ist keine Fast Fashion. Es ist Erinnerung, die man am Körper trägt. Es ist ein Akt der Zugehörigkeit zum eigenen Land, den eigenen Wurzeln, der eigenen Vorstellung von Schönheit.
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